DIE FLUT

In meiner Heimat im Ahrtal überraschte uns vom 14.07 auf den 15.07.2021 eine Flut, wobei die Dimension und die Zerstörung einem Tsunami glich. Alle aus dem Tal waren komplett ahnungslos was für eine Flutkatastrophe auf uns zukommen würde. Wir wussten lediglich das ein Hochwasser ansteht, wobei höchstens der Keller vlt. bei drauf geht. Das bedeutete alle die vor Ort waren gingen natürlich in ihre Häuser.

 

So war also auch ich zu Hause und habe die Flutnacht in Dernau miterlebt. Ich wohnte dort in der ersten Reihe an der Ahr, in dem Haus, welches meinen Eltern gehört. Dort habe ich so gut wie mein ganzes Leben gewohnt. Jetzt ist es allerdings unbewohnbar und muss abgerissen werden. Alleine innerhalb meiner Familie wurden vier Häuser komplett durchflutet . Viel Zeug und alles andere als leicht! Überall, wo einst mal schöne Erinnerungen entstanden sind, findet man nun Zerstörung und viele Erinnerungen sind weggespült oder zerstört. Aber die Flut hat mich auch einiges gelehrt. Worauf es zum Beispiel wirklich im Leben ankommt! Ich, meine Liebsten, Freunde und Bekannten haben nämlich überlebt. Das war in jene Nacht alles andere als selbstverständlich! Es gab genügend wirkliche Dramen, neben denen man nicht „nur“ sein ganzes Hab und Gut verlor, was ja schon eine große Last ist ...

Beginn des Hochwassers ab 21:10 Uhr, hatte ich zunächst mit meinem Kumpel, der noch ironischer weise bei uns Fußboden verlegte, Dinge hoch getragen. Dann rief uns mein Mann (der beim Feuerwehreinsatz im Dorf war) noch rechtzeitig an, dass wir uns schnell zum höheren Part des Hauses zu meinen Nachbarn über die Terrasse retten sollen. Ab da war klar: Scheiß auf das ganze Zeug! Hier geht es gerade um unser Leben! Machtlos im Dachgeschoss gefangen, ahnungslos wann es aufhört zu steigen oder ob meine Eltern überhaupt noch leben ... begannen wir dann nur noch zu beten.

Daraufhin kam tatsächlich die erste Erleichterung. Das Wasser viel um ca. 00:30. Um 12:00 Morgens wurden wir dann vom Helikopter gerettet. Meinem Mann bin ich anschließend wie in einem Film erleichtert und mit tränen in den Augen in die Arme gelaufen. Ich war voller Dankbarkeit und Erleichterung zu hören das auch meine Eltern überlebt haben. Die saßen noch gerade so trocken auf dem Dachboden in Altenburg. Das ist die Hauptsache das wir alle noch leben und dann ist all das Zeug, auch wenn es einfach mal vier Häuser sind völlige Nebensache!

MIT DER HOFFNUNG KAM DIE KUNST

Nach dem Elend, dem Schock, die die Katastrophe mit sich brachte, kam aber auf einmal auch ganz viel Hoffnung ins Tal! Viele haben sich Deutschland weit, ja sogar aus den Nachbarländern auf den weg zu uns gemacht, um zu helfen und mit anzubacken. Private und sogar Unternehmer, die bis in die Pleite dafür gingen, haben bedingungslos geholfen. Viele haben Keller bis Obergeschoss von Schlamm und dem kaputten Inventar befreit. Das alles können Worte und Bilder gar nicht wirklich wiedergeben. Der Gestank an Öl, Benzin, Fäkalien … Die Wucht des Wassers zu sehen … Ohne all die Helfer wäre keine Hoffnung da gewesen! Der Zustand unseres Hauses in Dernau wurde daraufhin immer mehr bemerkbar.

Man kann vom 1. Stock bis in den Keller schauen. Es ist nicht wiederaufbaufähig, wir müssen abreißen. Allerdings ging das nicht so schnell und einfach von der Hand, da vieles erst mit der Versicherung und alles geklärt werden muss … In dieser Ziellosigkeit begann die Mission für meine Seele und so habe ich angefangen unser Haus zu bemalen. Es tat auch gut dem ganzen Pool zu danken. Also begann ich als erstes den Helikopter inklusive dem kompletten Dankespool and die Fassade zu bringen (Bundeswehr, Feuerwehr, Rettungsdienste, Bundes- und Landespolizei, Thw und natürlich all den Helfern, ohne die liefe wie gesagt nix).

Schnell wurde mir aber klar, dass ich nicht nur für meine Seele malte, sondern direkt für die der anderen mit. Ich werde nie vergessen, wie ein Helfer anhielt und sich bei mir bedankte, dass ich Hoffnung raus sende.

Er hat nämlich viel scheiße gesehen, erzählte er mir.
Daraufhin kreierte ich die Helferwand, worauf die Helfer sich mit bunten Händen verewigen können. Zunächst fing es damit an, das ich Helfer-Organisationen, die ich persönlich kennenlernen durfte und die schon sehr viel gerockt hatten, an die wand brachte. Natürlich gab es weit aus mehr. Mit der Zeit kam immer mehr dazu. Mein künstlerisches Highlight waren die Helferflügel. Meine Idee: Davor können sich die Helden mal feiern!

Danach wollte ich aber auch was explizit für die Betroffenen malen und so entstanden die nächsten Flügel:

Jeder Betroffene ist ein Superheld. Ich habe auch mit Freunden und Familien am Haus gemalt, die mit dem Haus verbunden sind. So malte zum Beispiel meine Mum 25 Blumen – jede steht für ein Jahr in dem Haus gelebt zu haben.Mein nächstes Highlight wurde verrückt und wild. Ein Helfer namens Steffen hat mich mit seinem Teleskopstapler an die Stellen hochgehievt, wo ich nicht ran kam, und somit konnte ich den Slogen „Alle 11 Minuten verliebt sich ein Helfer ins Ahrtal“ an die Wand bringen. Daraufhin wurde es noch verrückter und wir haben uns mithilfe von coolen Leuten aus der Bundeswehr an unserem Haus abgeseilt. Das war ein Spaß!

HIER MALEN DIE AHRTAL-KIDS

Während ich die Helfer-Flügel malte schaute mir meine neugierige Nachbarin „Leni“ (Vorschulalter) bei zu. Daraufhin erlaubte ich ihr ebenfalls an einer stelle was zu sprühen oder zu malen. Seid dem hatte ich viel über all die Kinder im Ahrtal nachgedacht die nicht nur die Flutnacht miterlebt haben und nun in ihrer zerstörten Heimat leben, sondern dazu auch ihre Freizeitmöglichkeiten nicht mehr haben, nun einen weiten Weg zu ihrer Ausweichschule (da ihre ebenfalls zerstört ist) aufbringen müssen und zu guter Letzt entweder selber wegziehen mussten oder das eben ihre Freunde wegziehen mussten. Hier ein in dieser Doku ein guter Einblick: https://www.youtube.com/watch?v=Rnzx7fuItgM&t=38s

So wurde Leni zu meiner Inspiration die Ahrtal-kids an unserer Fassade malen zu lassen. Schließlich war da noch sehr viel platz vorhanden und ich wusste wie gut gerade Farben und Kunst in der Zeit und in all dem zerstörtem tun. Am 23.10.21 haben dann ca. insgesamt 15 Kids, verschiedenen Alters, gefühlt innerhalb in nur einer Stunde die weiße Fassade in eine wunderschönen und farbenfrohen Leinwand verwandelt. Wie man es sich denken und auch in den Bildern sehen kann hatten alle riesen Spaß. Alls die Wand keine weißen stellen mehr zeigte fragte ein Helfer ob die Kids ihre Schuhe bunt zaubern könnten und zack rannten alle hin. Das sprach sich natürlich rum und so liegen einige an diesem Tag in bunten Arbeitsschuhen durch Dernau. Zum krönenden Abschluss war Steffen wieder so nett mich und diesmal mit 4 weiteren 4 Kids in der Schaufel hochzuhieven.

Solche Tage brachten mir große Freude. Denn solche Möglichkeiten ein ganzes Haus zu bemalen mit einer Baggerschaufel hochgehievt zu werden oder gar sich an einer Hauswand abzuseilen ist und bleibt auch etwas besonders. So finde ich haben wir unserem Haus noch eine wunderschöne letzte Ehre erbracht. Zudem wird unser Haus nun als Lichtblick am Ende des Tunnels oder Hoffnungshaus gesehen. Viele halten an und gehen inne oder es geschieht ein Austausch über all das erlebte im Ahrtal, als Helfer oder Betroffener. Genau das freut und erfüllt mich mega das es nicht nur mir sondern auch so vielen weiteren Menschen hilft. Viele wollen es sogar als Denkmal stehen haben. Aber irgendwann wird der Abriss kommen müssen. Weshalb wir aber versuchen Teile der Kunst zu erhalten. Darauf bin ich noch sehr gespannt ... Mit diesem Ausmaß hatte ich anfangs, als ich erstmals für meine Seele malte, nicht mit gerechnet. Aber naja was soll ich sagen mit allem was so kam hat man und hätte ich niemals mit gerechnet ...